Brief von Rolf Lamprecht

Lieber Eberhard,

wenn man von einem Roman gefesselt ist, fällt es schwer, kritische Distanz zu gewinnen. Man muss sich erst aus der Faszination lösen. Doch vielleicht sagt diese Einsicht mehr als jedes wohlformulierte Lob. Sie verrät: Der Autor hat ein Idealziel erreicht – den Leser in seinen Bann gezogen.

Bei mir decken sich beide Perspektiven. Ich fand das Buch spannend – und ich halte „Heimatjahre“ für einen gelungenen Roman. Ich könnte, wenn ich mich für kompetenter hielte, auch sagen: für einen großen zeitgenössischen Familienroman. Hier stutze ich – und frage: Wer ist eigentlich kompetent? Nur der studierte Germanist? Oder vielleicht auch einer, der seit 70 Jahren mit Leidenschaft liest – und seine Meinung selbstkritisch mit dem Urteil der professionellen Rezensenten vergleicht.

Dieser – ich sage mal – mündige Laie hat gelernt, dass es unzählige literarische Richtungen gibt, die kommen und gehen. Er weiß zudem, dass sich alle – welche Präferenzen sie auch haben mögen – in einem einig sind: Die Kunstform des Erzählens stirbt nicht aus. Und Du bist ein begnadeter Erzähler.

Wann immer ich ein Interview mit Dir gelesen oder gehört habe: Du hast auf sympathische Weise tief gestapelt und Dich (sinngemäß) als Gebrauchsschriftsteller bezeichnet. Die räumliche Entfernung hat leider nie einen Workshop zwischen uns möglich gemacht. Sonst hätten wir vielleicht über den Begriff Handwerk geredet und über die Sternstunden, in denen Handwerk zum Kunsthandwerk wird. Du hast in vielen Deiner Stücke diese fließende Grenze überschritten. Der Roman ist, dialektisch gesehen, ein weiterer Qualitätssprung – auf die nächsthöhere Ebene.

Was fällt einem Leser ein, der sich mehr abverlangt als den Satz „Ich habe das Buch von der ersten bis zur letzten Zeile gern gelesen? Er geht die Liste der Kriterien durch, die nach herkömmlicher Ansicht den guten Roman ausmachen. Vor ihm marschieren die Menschen auf, die er bei der Lektüre kennen gelernt hat. Jeder steht leibhaftig vor ihm, jeder lebt, nimmt für sich ein oder stößt ab, ist sympathisch oder unsympathisch (was auch daran liegen mag, dass Du ein guter Beobachter bist und für jede Person ein Vorbild hattest). Die Schwaben müssten Dir ein Denkmal bauen – oder besser: Die Werbung in Gold aufwiegen.

Beim zweiten, nunmehr um Distanz bemühten Blick merkt der Leser, wie sehr alle Helden auch Kinder ihrer Zeit waren. Der Autor hat – unaufdringlich, aber zielbewusst – auch ein Stück Zeitgeschichte geschrieben. Der Leser sitzt am Esstisch einer Familie, die als Teil (als so genannte „kleinste Zelle“) der Gesellschaft alle Wechselbäder über sich ergehen lassen muss. Wer die Jahrzehnte selbst miterlebt hat, kann bestätigen, dass Du die Höhen und Tiefen, vor allem aber die ideologischen Hintergründe wie ein Seismograph nachgezeichnet hast. Chapeau!

Dialoge zu bauen, sind zu Deinem zweiten Ich geworden. Sie  kommen dem Roman auf jeder Seite zugute. Rede und Gegenrede treiben die Handlung voran, sie widerspiegeln zugleich die Entwicklung der Hauptpersonen – vor allem natürlich die „Menschwerdung“ des Helden Christian.

Die Moral dieser Zeilen: Der Briefschreiber erkennt neidlos an, dass sein alter Freund Huby über sich selbst hinaus gewachsen ist. In diesem Sinne grüßt Dich herzlich

Rolf

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