„GESTATTEN, BIENZLE, PENSIONÄR“

bienzle_pensionaerEin Autor, der die 75 Jahre hinter sich gelassen hat und stramm auf die 80 zugeht, beschäftigt sich nolens volens mit dem Alter und der Tatsache, dass er sich „auf der Zielgerade“ befindet. Ich bin gewohnt, manche Sorgen bei meiner Lieblingsfigur Bienzle abzuladen. So auch in diesem Fall. Bienzle ist jetzt Pensionär, hadert mit dem neuen Zustand und räsoniert kräftig über die Zumutung, alt zu werden. Oft langweilt er sich in seinem Ruhestand, sodass ihm jede Gelegenheit gerade recht kommt, in der er von seinen ehemaligen Kollegen um Hilfe gebeten wird. Dann hängt er sich rein wie eh und je. Es sind zwölf spannende, teils skurrile, teils amüsante Fälle, die der Pensionär hier klärt.

Ein Beispiel:

EIN BIRNBAUM IN SEINEM GARTEN STAND

Der alte Mann saß auf einer Bank an der fensterlosen Westseite des schmalen Häuschens und betrachtete den einzigen Baum, der in seinem Schrebergarten stand. Am Nachmittag hatte es heftig geregnet. Die noch feuchten Blätter des Birnbaums schimmerten rötlich in der milden Abendsonne. Die Früchte hatte Oskar Rombach längst geerntet. Rund um den Stamm lagen bereits viele bunte Blätter und langsam, ganz langsam gesellten sich neue dazu. Immer wieder löste sich eines und segelte zu Boden. In der kaum bewegten Luft schwankte es leicht hin und her, ehe es sich sanft zu den anderen legte. Oskar Rombach zählte langsam mit, wenn er es schaffte, ein Blatt genau in dem Moment zu entdecken, da es sich löste. Meistens war er bei sechzehn oder siebzehn, wenn es die Erde erreichte.

Um diese Jahreszeit waren nur wenige Leute in ihrem „Gütle“, wie man hierzulande die Schrebergärten nannte. Bis vor kurzem war zudem das Nachbargrundstück verwaist gewesen. Jetzt hatte es ein ehemaliger Polizeibeamter gepachtet. Er war wohl erst kürzlich pensioniert worden, hatte sich mit dem Namen Ernst Bienzle vorgestellt und sich danach aber nur höchst selten hier draußen, an dem sanften Hang über dem Neckarufer, sehen lassen. Einmal, es hatte damals genau so geregnet wie heute, und das Gras in den Gärten triefte vor Nässe hatte er barfuß mitten in der ungepflegten Wiese nebenan gestanden, reglos und offenbar tief in Gedanken versunken. Oskar Rombach war zum Zaun hinüber gegangen und hatte gefragt: „Geht `s ihnen gut?“ Der einstige Kommissar hatte sich umgedreht und gesagt: „Eigentlich schon, aber halt nur eigentlich.“

„Und was macht Sie so unglücklich?“

„Unglücklich? Ich weiß nicht, unsicher trifft `s besser. Wissen Sie, wenn man mit einem Mal gar keine so rechte Aufgabe mehr hat…“ Er sprach nicht weiter, bückte sich nach seinen Schuhen und Strümpfen, hob sie auf und schickte sich an, sein Gütle zu verlassen.

„Da hilft so a Gärtle natürlich au net weiter“, sagte Rombach. Bienzle wendete sich dem Nachbarn noch mal zu. „’Man verliert sich tagsüber in Beschäftigungen, unwichtigen Verpflichtungen und abends in Geselligkeit’ “, habe ich bei Max Frisch gelesen. Man werde zum Greis, wenn man sich zu nichts mehr verpflichtet fühle, schreibt er in seinen letzten Tagebuchnotizen, wenn man nicht mehr glaubt, irgendjemand in der Welt etwas schuldig zu sein und dazu brauche man nicht einmal einen Stock oder einen Rollstuhl, es gebe auch wanderfähige Greise.“

Rombach nickte. „Ja, so empfinde ich `s manchmal auch.“

„ ‚Vorderhand erschreckt mich noch meine zunehmende Nachlässigkeit gegenüber Freunden und meine zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber öffentlichen Ereignissen’, schreibt Frisch, und mir geht es genau so.“

„Wie alt war der Mensch, wie er des g´schriebe hat?“ Der Name Max Frisch sagte Oskar Rombach nichts.

„Ich weiß nicht. Er wurde fast 80 Jahre alt. Es haben ihm nur ein paar Tage gefehlt.“

„Da hättet mir zwei ja eigentlich für so düschtere Gedanke no a bissle Zeit“, sagte Rombach.

Danach war der ehemalige Kommissar nur noch einmal erschienen. Es war ja dann auch Winter geworden. Er hatte Rombach seine Visitenkarte gegeben, falls mal was passieren würde auf seinem Grundschtückle. „Sie sind ja wohl die ganze Zeit hier draußen.“

„Ja“, hatte Rombach gesagt. „Ich hab regelrecht darauf zu gelebt in den letzten Jahren. Mein Garten ist mein Ein und Alles.“

Während er an das Zusammentreffen mit Bienzle gedacht hatte, waren weitere Blätter gefallen, ohne dass er sie beobachtet hätte.

Otto Rombach saß oft auf dieser grob gezimmerten Bank. Meist starrte er nur in den Garten, ohne die Blicke auf etwas Bestimmtes zu richten. Zu jeder Jahreszeit hockte er fast täglich Stunden lang hier. Im letzten Dezember hatte er sich sogar einmal regelrecht einschneien lassen. Ein Nachbar fand ihn, als schon der ganze Körper mit einer zehn Zentimeter dicken Schneeschicht bedeckt war. Oskar Rombach hatte gelesen, der Kältetod werde von den Sterbenden als angenehm empfunden. Aber er starb nicht. Er lag nur drei Wochen lang mit einer schweren Lungenentzündung im Bett.

Es war nun fünf Jahre her, dass er hier eingezogen war. Alles hatten sie gemeinsam vorbereitet und angelegt: Links vom Plattenweg die Beete mit den Gemüsepflanzen, rechts die mit den Blumen und Büschen. Nur die Begrenzungshecke aus dichten Eibenbüschen hatte ein Gärtner gepflanzt. Als Oskar die wenigen Möbel in das Häuschen getragen hatte, war er immer wieder stehen geblieben, um die akkurate Pracht zu bestaunen. Alles war so geworden, wie Kathrin es geplant und wie sie es gemeinsam gestaltet hatten. Das sollte ihr künftiges Zuhause sein – weit weg von der lärmenden Stadt. Sein Altersruhesitz. Am Nachmittag hatte er sich ein wenig hingelegt. Und als er eine Stunde später aufgewacht war, hatte er vor der Couch einen Zettel gefunden. „Tut mir leid, aber ich verlasse dich. Kathrin.“ Acht Worte. Mehr nicht. Später war noch ein Brief gekommen. Ohne Absenderadresse, „Du hast dir den Garten so sehr gewünscht, ich wäre dort lebendig begraben gewesen“, schrieb Kathrin. „Aber immer wenn ich mit dir darüber reden wollte, hast du nicht zugehört oder bist mir rüde über den Mund gefahren. Da hab ich gedacht: lass ihm seinen Willen. Aber ich wollte nicht so leben.“

Und dann, an einem späten Herbstabend im letzten Jahr, einem Tag wie heute, stand sie plötzlich vor ihm. Er hatte hier auf der Bank gesessen und auf die Stelle unter dem Birnbaum gestarrt. Manchmal dachte er jetzt, an dieser Stelle müssten die schönsten Blumen blühen. Aber dann war, wie so oft, die Verzweiflung über seine Einsamkeit ihn ihm hoch gestiegen bis sie ihn im Hals gewürgt hatte. „Ich wollte sehen, wie`s dir geht in deinem Paradies“, hatte sie gesagt. „Es geht mir schlecht“, hatte er geantwortet und sich langsam erhoben. „Und wie geht es dir?“ „Wunderbar! Ich habe mein Glück gefunden – spät zwar, aber… “ Weiter kam sie nicht. Mit dem Spaten, mit dem er am Nachmittag das Gemüsebeet umgegraben hatte, schlug er zu. Und mit dem gleichen Spaten hatte er sie in der Nacht noch unter dem Birnbaum begraben.

Er hat sich gewundert, dass nie jemand nach ihr gefragt hatte. Jetzt zog er sein Handy und eine Visitenkarte aus der Brusttasche seines bunt karierten Wollhemdes und wählte die Nummer die auf dem Kärtchen stand. „Herr Bienzle, ich bin`s. Ihr Nachbar aus den Gärten…“

 

 

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