Dankesrede von Felix Huby zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde


Am 20. Januar wurde mir in meiner Heimatgemeinde Dettenhausen die Würde eines Ehrenbürgers verliehen. Ich bin der dritte in der Geschichte des Dorfes. Der erste war Helmuth Bächle, von 1948 bis 1978 sehr erfolgreicher Bürgermeister der Gemeinde. Der zweite, der mit Abstand erfolgreichste und sozial außerordentlich engagierte Unternehmer Stefan Nau. Nun also ich als Kulturschaffender – ein Trio zu dem man stehen kann. Die Abstimmung im Gemeinderat fiel übrigens einstimmig aus, obwohl ich doch ein engagierter Sozialdemokrat sei, wie einer der Gemeinderäte sagte.

Felix Huby

Dankesrede zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde

Als mich kurz vor meinem 80. Geburtstag Bürgermeister Engesser angerufen hat, um mir mitzuteilen, der Gemeinderat habe einstimmig beschlossen, mich zum Ehrenbürger von Dettenhausen zu machen, brauchte ich erst eine Weile, um die Nachricht zu verdauen, und – nach kurzem Überlegen – machte sie mich sehr glücklich.

Aber ich dachte auch sofort darüber nach, warum, beziehungsweise wofür, mir diese Ehre zuteilwerden sollte. Immerhin lebe ich seit 60 Jahren nicht mehr in Dettenhausen. Vielleicht – dachte ich – liegt es ja daran: Wann und wo immer über mich geschrieben wird, erwähnen die Autoren, dass ich aus Dettenhausen stamme. Zudem weisen die Macher von Fernsehfilmen, die Rundfunkreporter und die Zeitungsschreiber in aller Regel darauf hin, dass ich ja eigentlich ein Heimatschriftsteller sei. Da wird wohl der Schlüssel zu der heutigen Ehrung liegen. Und wer würde nicht gerne über sich lesen, er sei ein berühmter Sohn seines Heimatortes?

Ich begann darüber zu sinnieren, was das eigentlich für eine Beziehung ist zwischen diesem Dorf, in dem ich vor 80 Jahren geboren wurde und mir. Und vor allen: Was besagt dieses Wort Heimat.

Wenn ich mit dem Flugzeug nach Stuttgart komme, schwebt die Maschine entweder über den Schwäbischen Wald und Esslingen ein oder über den Schönbuch und Echterdingen. Im zweiten Fall sehe ich dann rechts Dettenhausen liegen, den Ort, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Und jedes Mal spüre ich ein Ziehen in der Herzgrube. Aber auch wenn ich von der anderen Seite komme, macht mir der Blick hinüber zur Schwäbischen Alb schlagartig klar, was ich in Berlin und im flachen Land Brandenburg, wo ich seit bald 30 Jahren lebe, so sehr vermisse: Diese wunderschöne für mich „anheimelnde“ Landschaft. Dazu kommt die Vorfreude auf das Wiedersehen mit Freunden und Bekannten, auf das Einkehren in einer Wirtschaft wie etwa dem Ochsen in Uhlbach oder im Dettenhäuser Veschperbrettle, auf den Rostbraten dort oder den Ochsenmaulsalat hier, auf eine Wanderung durchs Siebenmühlental oder durchs Schaichtal und von dort nauf zum Braunacker, wo der Mammutbaum steht.

Professor Hermann Bausinger meint: Heimat sei „eine räumliche soziale Einheit mittlerer Reichweite, in welcher der Mensch Sicherheit und Verlässlichkeit seines Daseins erfahren könne, eine Nahwelt (also eine nahe Welt), die verständlich und durchschaubar ist, als Rahmen in dem sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinnvolles abschätzbares Handeln möglich ist.“

So akademisch das auch formuliert sein mag, so sehr stimmt es für mich. Ich würde nur noch hinzufügen: Heimisch fühle ich mich dort, wo ich mich nicht verstellen muss, wo mich die Leute mögen und ich die Leute mag. Letzteres trifft für mich in besonderem Maße auf Dettenhausen und die Dettenhäuser zu und dies vor allem, seitdem eine so wunderbare Verbindung zwischen den engagierten Fleckatheatermachern und mir entstanden ist.

Ich habe auch darüber nachgedacht, welch großes Privileg es ist, eine Heimat zu haben, die man nie verlassen musste und in die man jederzeit zurückkehren kann. Gerade im Angesicht der Flüchtlingsströme, die heute wieder, wie damals kurz nach dem Krieg, durch die Lande ziehen müssen. Menschen in meinem Alter erinnern sich gut an die Heimatvertriebenen, die kurz nach dem Krieg hier ankamen, oft mit nicht mehr als dem, was sie auf dem Leib trugen, und wie schwer es vielen von ihnen fiel, hier Fuß zu fassen, beziehungsweise aufgenommen und integriert zu werden.

Ich bin hier in Dettenhausen geschützt aufgewachsen, geborgen in der Familie und in der – damals noch gut überschaubaren – dörflichen Gemeinschaft. Man muss sich immer wieder klar machen, was dies für ein Privileg war.

Vieles, was unser Leben damals so angenehm und sorglos gemacht hat, besteht auch heute noch. Ich meine diese dörfliche Gemeinschaft, die sich zum Beispiel im Leben der Vereine ausdrückt.

Freilich bezieht sich das vor allem auf den Kern des Dorfes. In meiner Jugend hatte Dettenhausen 1350 Einwohner, heute sind es wie viele, Herr Bürgermeister?
(5.495 stand April 2018)

Das Gefühl für die Heimat ist für mich auch eng verbunden mit der heimischen Sprache. Schwäbisch ist ja eigentlich keine Mundart, kein verschlamptes Hochdeutsch, sondern, um es mit Thaddäus Troll zu sagen: „Eine Sprache mit eigenem Wortschatz und eigener Grammatik, die sich auch in ihren Gefühlsinhalten völlig von der Hochsprache unterscheidet.“ Die Sprache meiner Heimat, das Schwäbische, ist differenzierter, oft präziser, bildhafter und klarer als das so genannte Schriftdeutsch. Troll sagte einmal: „Die Hochsprache ist nicht denkbar ohne eine lebendige Fühlung mit, ohne eine ständige Erneuerung durch den Dialekt. Sie würde sonst umkippen wie ein Gewässer ohne Sauerstoff.“ Für viele Menschen meiner Generation gilt das heute noch, zumal wenn man als Schriftsteller an seine Sprache gekettet ist, wenn man, wie ich, vieles im Dialekt schreibt. Das Schwäbische ist nun mal der Humus, auf dem das meiste gewachsen ist, was ich geschrieben habe. (Übrigens war mein Spitzname im Keplergymnasium Tübingen „Humus“, und so sagen meine Klassenkameraden heute noch zu mir. Den Namen hat sogar mein Neffe Axel geerbt, als er ins Keplergymnasium kam.)

Diesen Humus, diesen Nährboden für meine Literatur, meine Hörspiele, meine Theaterstücke und meine Filme kann man auch nutzen, wenn man ganz woanders lebt. Dass ein gewisser Abstand eine Hilfe sein kann, habe ich immer wieder bemerkt, seitdem ich in der Bundeshauptstadt lebe.

Meine Damen und Herrn. Ich bedanke mich sehr für Ihre Aufmerksamkeit, und ich bedanke mich noch einmal besonders herzlich bei den Gemeinderäten und bei Bürgermeister Engesser dafür, dass sie mir die Ehre zuteilwerden lassen, Ehrenbürger meines Heimatdorfes zu sein. Vielen Dank!

Mein besonderer Dank gilt Dr. Wolfgang Wenig für seine Laudatio, in der ich mich erkannt habe, obwohl ich mich ein bisschen zu sehr gelobt fühlte.

 


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