PROJEKTE

Neuer Kriminalroman: DIE EISHEILIGEN

Ein weiterer Peter-Heiland-Kriminalroman ist in Arbeit. Er spielt mitten in der Coronazeit. Erscheinen wird er – eine Folge der Pandemie – erst im

Herbst 2022, obwohl ich bei dem Manuskript bereits in die Zielgerade einbiege. Arbeitstitel „Die Eisheiligen“.

Auch hier ein kleiner Appetithappen:

 

Der Regen hatte zugenommen. Ein böiger Wind schüttelte die Kronen der Bäume am Straßenrand. Finkbeiner bog am Roseneck von der Clay Allee in die Hagenstraße ein. Das zuckende Blaulicht eines Polizeiwagens kam in Sicht. Ein Kleinbus der Polizei blockierte quer stehend die Straße. Die Scheinwerfer beider Polizeifahrzeuge waren voll aufgeblendet. Zwei Schutzpolizisten rollten rot-weiße Bänder von Rollen ab und sicherten den Unfallort. Peter Heiland und Carl Finkbeiner parkten dicht am Gehweg auf der anderen Straßenseite und stiegen aus.

„Seit Tagen regnet es jetzt schon“, schimpfte Heiland.

„Die Natur kann ‚s gebrauchen“, antwortete Finkbeiner gelassen. „Wir haben zwei Dürrejahre hinter uns, und die Erde ist auch jetzt erst bis in 20 Zentimeter Tiefe durchfeuchtet. Es müssen aber 150 sein, damit sich der Boden erholt.“

Etwa 30 Meter von den Polizeifahrzeugen entfernt stand, halb auf dem Gehsteig, ein roter Golf.

Die beiden Kriminalbeamten stellten sich den Schutzpolizisten vor und wiesen sich aus. Einer der uniformierten Beamten deutete auf den Kleinbus, dessen Seitentür offenstand. Dort saß an einem Tischchen eine Frau, tief in sich zusammengesunken. Sie hatte ihre beiden Hände vors Gesicht geschlagen. Ihre Schultern bebten.

Peter Heiland bat Carl Finkbeiner, sich um die Frau zu kümmern. In solchen Situationen war ihm der Kollege überlegen.

„Hier, Herr Hauptkommissar!“, rief einer der Schutzpolizisten. Heiland ging zu ihm hinüber. Der Beamte, ein kleiner, gedrungener Mann Mitte 20, hob eine Plane an. „Wir haben nichts verändert.“

Die junge Frau lag zusammengekrümmt auf dem nassen Asphalt, ihren Kopf auf der Bordsteinkante. Die schwarzen Haare schwammen in einer Blutlache. Die Tote war nahezu unbekleidet. Sie trug nur ein Höschen und ein Spitzenhemdchen, das bis unter die Achseln hochgerutscht war. „Da! Sieht aus, als wäre sie schwer misshandelt worden,“ sagte der Schutzpolizist. Der junge Körper zeigte blaue Flecken und mehrere Schnittwunden. „Die Verletzungen haben sicher nichts mit dem Unfall zu tun. Deshalb haben wir Sie gebeten …“

„Schon gut!“ Heiland rieb sich mit der flachen Hand die Wange, hinter der der Schmerz saß. „Das haben Sie richtig gemacht.“ Er beugte sich über die junge Frau und richtete sich stöhnend wieder auf. Plötzlich war

ihm schwindlig, seine Mageninhalt stieg hoch und drückte gegen seine Kehle. Er ging ein paar Schritte und atmete ein paar Mal tief durch. Als er sich wieder umdrehte, sah er den Gerichtsmediziner auf sich zukommen, einen älteren Mann, der eigentlich schon in Pension sein sollte, dessen Vertrag aber noch einmal verlängert worden war, weil es so sehr an Fachleuten mangelte. Dr. Hauschild ging in die Hocke, beugte sich weit über die Tote, berührte kurz ihre Halsschlagader, richtete sich mühsam wieder auf und starrte eine Weile auf die halbnackte Gestalt hinab. „Das Mädchen ist höchstens 17, 18 Jahre alt geworden, sagte er leise. „Das arme Ding.“

 

„Ich bin gar nicht schnell gefahren“, sagte die Frau im Polizeibulli schluchzend zu Carl Finkbeiner. „Sie ist ganz plötzlich aus dem Dunkel direkt vor mein Auto gesprungen. Ich bin nicht einmal dazu gekommen, zu bremsen.“

Finkbeiner sagte. „Das muss schrecklich für Sie gewesen sein. Können Sie den Vorfall ein bisschen genauer schilden?“

Die Frau schüttelte heftig den Kopf. „Ich …, ich … – in meinem Kopf ist alles so durcheinander, ich weiß nicht …“ Sie starrte Finkbeiner aus ihren geröteten Augen an. „Man sagt doch immer, man muss in jeder Situation anhalten können, sonst ist man schuld.“

Die Frau war nach Finkbeiners Schätzung um die 50. Ihr volles blondes Haar hatte sie hochgesteckt. Ihr schmales Gesicht hätte man unter anderen Umständen vermutlich als schön bezeichnet, aber nun war die Wimperntusche durch die Tränen verlaufen und hatte sich in schwarzen Schlieren über die Haut verteilt.

Eine Limousine näherte sich vom Roseneck her dem Tatort. Der Wagen blieb stehen, ein Mann sprang heraus. „Was `n hier los?“, schrie er. „Warum sperrt ihr die Straße ab, verdammt nochmal?“

Peter Heiland trat auf ihn zu. „Sie sehen doch, dass es hier einen Unfall gegeben hat.“

„Kann ja sein, aber da muss man doch nicht gleich die ganze Straße zumachen.“

„In diesem Fall aber doch“, antwortete Heiland ruhig.

„Wenn ihr nur eure Macht ausspielen könnt!“ Der Autofahrer wurde immer lauter.

Peter Heiland blieb ruhig. „Fahren Sie zurück bis zur Hubertusbader Straße, dort links und dann über die Furtwänglerstraße. Ist kein großer Umweg.“

„Ja, sonst noch was! Ich wohne gleich hier 200 Meter weiter. Da fahr ich doch nicht mit der Kirche ums Dorf, nur weil ihr hier …“

Weiter kam er nicht. Heiland trat dicht vor ihn hin. „Ihre Papiere!“

„Was?“

„Ihre Papiere, bitte!“

„Ach, leck mich doch!“

„Haben Sie getrunken?“

„Sie wissen nicht, wen Sie vor sich haben.“

„Geben Sie mir Ihre Papiere, dann werd´ ich `s wissen.“

„Theo!“ Der Schrei kam aus dem Polizeibulli.

Der Mann fuhr herum. „Annette?“ Dann herrschte er Peter Heiland an. „Was machen Sie mit meiner Frau!“

„Sie hat den Unfall verursacht.“

„Was?“

Carl Finkbeiner kam aus dem Polzeibulli und reichte der Autofahrerin die Hand, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Sie stützte sich einen Augenblick schwer auf ihn und taumelte dann auf ihren Mann zu. „Theo!“ Es klang wie ein Hilfeschrei. Er fing sie auf, aber Heiland, der die beiden genau beobachtete, sah den Widerwillen in seinem Blick. Der Mann fasste seine Frau fest an beiden Oberarmen, schob sie ein Stück von sich, schüttelte sie und schrie. „Was ist passiert? Was hast du gemacht?“

Sie löste sich von ihm. „Ich bin deinetwegen …“

„Ach hör doch auf“, unterbrach er sie wütend. Dann fuhr er zu Peter Heiland herum. „Können wir gehen?“

„Sobald Sie sich ausgewiesen haben.“

Wütend riss der Mann seine Brieftasche aus seinem Jackett und streckte sie dem Kommissar entgegen. Heiland griff danach, schlug sie auf und diktierte in sein Handy: „Theo Schieferfeld, wohnhaft Hagenstraße 417, 14193 Berlin.“ Er klappte die Brieftasche zu.

„Der Name wird Ihnen ja wohl etwas sagen“, knurrte sein Gegenüber.

„Bedaure, nie gehört.“

„Dann wird sich das ändern!“ Schieferfeld setzte sich hinters Steuer seiner Limousine. Carl Finkbeiner war es, der die Beifahrertür für die Frau öffnete und, als sie eingestiegen war, sanft schloss.

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